Montag, 5. Mai 2014

Kommentar: Fauler Kompromiss: Atomenergie statt Kohlekraft in kanadischer Provinz Ontario

Sehr geehrte Leserinnen und Leser!

während in Deutschland bereits von einem neuen Boom der Kohle gesprochen wird, ist vergangene Woche in der kanadischen Provinz Ontario das letzte Kohlekraftwerk vom Netz gegangen. Damit ist Ontario eine der ersten Regionen weltweit, die sich vollständig von Kohlestrom unabhängig macht. Energiegewinnung aus Biomasse, Wind- und Wasserkraft werden gleichzeitig ausgebaut.

Vorbildlich könnte man denken! Wäre da nicht die Tatsache, dass dafür zwei marode Atomkraftwerke wieder in Betrieb genommen wurden - Restrisiko und Kostenbelastung inklusive. Statt konsequent auf Erneuerbare Energien zu setzen, wird hier der Umstieg von schmutzigem Kohleabbau auf risikoreiche und nicht minder umweltbelastende Atomenergie, als großer Schritt für eine saubere Energiezukunft gefeiert. Es ist irritierend, dass es für eine Regierung möglich ist, in Rekordzeit die Kohle-Ära zu beenden, jedoch den Wechsel zu sauberer Energie in Zeitlupe veranlasst.

Dabei hätte mit dem bereits vor Jahren in Ontario eingeführten EEG ein konsequenter Ausbau von Erneuerbaren Energien ohne Atomkraft stattfinden können und die Provinz Ontario wäre bereits frühzeitig Kanadas Vorbild in Sachen saubere Energieversorgung geworden Schließlich war der Kohleausstieg vor bereits elf Jahren unter dem damaligen Premierminister Dalton McGuinty beschlossen worden, aber wie so oft in der Welt wurden dann durch den Einfluss der Atomlobby die Möglichkeiten des EEG beschnitten statt optimiert. Somit floss viel Geld in die Förderung von Atomenergie und Erdgas, das wiederum für den Ausbau von sauberen Energien fehlte. Die Atomlobby dürfte sich gefreut haben. 50% der Stromproduktion in Ontario kommt alleine aus der Atomkraft, der Anteil in ganz Kanada liegt jedoch nur bei 15%. Während im Rest Kanadas somit kaum Kernenergie genutzt wird, weil Wasserkraft die wichtigste Ressource ist, gilt Ontario jeher als Hochburg der Atomindustrie, die ihren Einfluss zu nutzen weiß. Es soll noch geprüft werden, ob neue Atomkraftwerke entstehen sollen. Es ist nun erforderlich, dass die guten und teilweise auch erfolgreichen Ansätze des EEG in Ontario weiter politisch unterstützt werden, damit Ontario nicht nur ein Vorbild für den Kohleausstieg ist, sondern eines für das Ziel 100% Erneuerbaren Energien, ohne Atomkraft.

Wirtschaftliche Interessen und Lobbyismus ist auch in Deutschland immer wieder Bremse für den konsequenten Ausbau von Erneuerbaren Energien. So kommen die Beschlüsse der Großen Koalition vor allem den großen Energiekonzernen zu gute. Weitreichende Befreiung von energieintensiven Unternehmen von der EEG-Umlage und Deckelung der Förderung Erneuerbarer Energien sind Zeichen einer fatalen Rückentwicklung. Dabei hat die Agentur für Erneuerbare Energien in einer Studie gezeigt, dass die deutsche Industrie vom kontinuierlichen Ausbau der Erneuerbaren Energien umfassend profitiert.

Das Beispiel von Ontario ist ein Teilerfolg, der zeigt, dass eine Abkehr von Kohlekraft möglich ist. Ein Rückgriff auf gefährliche Technologie wie Atomkraft, ist dabei jedoch ein fauler Kompromiss und behindert die dringend nötige Umstellung der Energieversorgung auf Erneuerbare Energien. 


Berlin, den 02.05.2014




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Hinweis der Herausgeber von LEXEGESE: Hans-Josef Fell ist ehemaliges Mitglied der Bundestagsfraktion Bündnis 90/ Die Grünen und Autor des Entwurfs zum EEG 2000.

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