Donnerstag, 21. Februar 2013

Die Zukunft des Strommarktes

 Von Prof. Dr. Claudia Kemfert, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) •

Die Energiewende wird den Strommarkt verändern. Die heutige „Energiewende“ ist derzeit allerdings in erster Linie eine „Strom- Angebots- Wende“ da weder die Energieeffizienz, d.h. der sparsame Umgang mit Energie, insbesondere bei der Gebäudeenergie oder Mobilität, derzeit im Fokus der eigentlichen Energiewende stehen. Die „Strom- Angebots- Wende“ führt dazu, dass die Stromversorgung immer dezentraler wird, immer mehr kleinere und mittelgroße Anlagen erneuerbarer Energien oder Kraft- Wärme Kopplung (KWK) genutzt werden und immer weniger Großkraftwerke zum Einsatz kommen bzw. ausreichend genutzt werden.

Derzeit kommen über 50 % der gesamten Investitionen in erneuerbare Energien von Privatpersonen. Großkonzerne fokussieren sich in erster Linie noch immer auf den Bau von Großkraftwerken, derzeit fast ausschließlich Kohlekraftwerke, oder aber große Anlagen erneuerbarer Energien wie beispielsweise Offshore Windparks. Dabei passen Kohlekraftwerke nur schlecht in eine nachhaltige Stromangebotswende. Sie produzieren deutlich mehr Treibhausgase als beispielsweise Gaskraftwerke. Zudem sind sie weniger flexibel als Gaskraftwerke, welche bei Schwankungen schneller reagieren können. Leider sind Gaskraftwerke immer weniger wirtschaftlich, da die Gaspreise in Deutschland anders als in anderen Ländern vergleichsweise hoch sind und die CO2 Preise aufgrund von Fehlfunktionen des Europäischen Emissionsrechtehandels immer weiter sinken. Steigende CO2 Preise könnten den Bau von Kohlekraftwerken wirtschaftlich unattraktiver machen. Doch solange sich die EU Länder nicht auf eine Angebotsverknappung von CO2 Zertifikaten und eine dynamische Anpassung von CO2 Obergrenzen einigen können, wird der CO2 Preis niedrig bleiben.

Noch immer gibt es Überkapazitäten beim Stromangebot, Deutschland exportiert so viel Strom wie nie ins Europäische Ausland und der Strombörsenpreis sinkt kontinuierlich. Der sinkende Börsenpreis macht den Zubau auch von kleineren konventionelleren Kraftwerken immer unwirtschaftlicher. Zukünftig wird es jedoch darum gehen müssen, ausreichend finanzielle Anreize für den Bau erneuerbarer Energien, KWK Anlagen, Stromnetze und Speicher zu schaffen. Dabei werden zum einen Stromautobahnen von Norden nach Süden Deutschlands benötigt als auch ins Europäische Ausland sowie intelligente Verteilnetze. Pumpspeicherkraftwerke sind derzeit die einzig wirtschaftliche Form der Stromspeicherung. Da die Kapazitäten von Pumpspeicher in Deutschland begrenzt sind, sollten auch Speichermöglichkeiten in Skandinavien wie Norwegen oder den Alpen genutzt werden können- dazu wird wiederum eine ausreichende Infrastruktur benötigt.

Zukünftig wird man jedoch ebenso weitere Formen von Stromspeicher nutzen, die beispielsweise Batterien oder die Herstellung von Kraftstoffen (Wasserstoff, Methan, Biogas) bei einem Überschussangebot von erneuerbaren Energien. All diese Entwicklungen werden den Strommarkt mehr und mehr verändern. Schon heute nimmt die Zahl des industriellen Eigenstromverbrauchs immer weiter zu. Immer mehr kleinere und mittelständische Anbieter bauen ihre eigenen KWK Anlagen und nutzen den Strom und die Wärme selbst und/oder verkaufen den überschüssigen Strom. Auch die Anzahl der Energiegenossenschaften nimmt rasant zu, immer mehr Menschen beteiligen sich an der gemeinsamen Finanzierung von Wind- oder Solaranlagen. Als dies führt zu mehr Wettbewerb auf dem Strommarkt und zu völlig neuen Geschäftsmodellen auch der herkömmlichen Energieanbieter.

Energiedienstleistungen rücken in den Fokus. Ob Verbesserung der Energieeffizienz oder aber Contracting Angebote für den Erwerb von Kraftwerksteilen, all dies wird schon heute von immer mehr Energieunternehmen angeboten. In der Zukunft wird es darum gehen (müssen), all dies zu managen, die existierenden Entwicklungen zusammenzubringen und den Markt so auszugestalten, dass er weiterhin effektiv funktionieren kann. Die „Strom-Angebots- Wende“ muss erfolgreich gemanagt werden, damit der Strommarkt weiterhin funktionieren kann. Die eigentliche Energiewende- d.h. die Verbesserung der Energieeffizienz in allen Bereichen insbesondere im Gebäudeenergiebereich sowie die konsequente Umsetzung einer wirklich nachhaltigen Mobilität, ist bisher- leider- noch Zukunftsmusik. Dabei kann eine kluge Energiewende mehr wirtschaftliche Chancen als Risiken für Deutschland bringen. Wir müssen sie nur umsetzen.

Über die Autorin:

Prof. Dr. Claudia Kemfert leitet seit April 2004 die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und ist seit April 2009 Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance (HSoG). Von 2004 bis 2009 hatte sie die Professur für Umweltökonomie an der Humboldt-Universität inne. Claudia Kemfert ist Wirtschaftsexpertin auf den Gebieten Energieforschung und Klimaschutz.

Claudia Kemfert war Beraterin von EU Präsident José Manuel Barroso und ist in Beiräten verschiedener Forschungsinstitutionen sowie Bundes- und Landesministerien sowie der EU Kommission tätig. Derzeit ist Claudia Kemfert Mitglied der High Level Expert Group des EU Umweltkommissars und der Advisory Group on Energy der Europäischen Kommission (DG Research) sowie Mitglied im Club of Rome.

Aktuelle Veröffentlichung:

Claudia Kemfert: Kampf um Strom. Mythen, Macht und Monopole, erschienen im Murmann Verlag (Jan 2013). 144 S., Klappenbroschur, 14,90 Euro.


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Anmerkung der Herausgeber von LEXEGESE: Der Beitrag ist ursprünglich auf dem Online-Portal des Berliner Informationsdienstes (BID) erschienen und wird hier mit freundlicher Genehmigung des BID und der Autorin wiedergegeben.


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