Montag, 25. Februar 2013

Die Energiewende aus einem Guss – im Herzen Europas

• Von Stephan Kohler, Vorsitzender der dena-Geschäftsführung • 

Die vielschichtige Diskussion über die Umsetzung der Energiewende verdeutlicht, welch große Herausforderung dieses Projekt darstellt. Die Energiewende beinhaltet nicht nur – wie es in der öffentlichen Diskussion oftmals dargestellt wird - die Stilllegung von Atomkraftwerken und den Bau von Photovoltaik- und Windkraftwerken. Die Energiewende ist ein gesamtgesellschaftliches Projekt mit vielen Facetten, für deren Umsetzung wir alle verantwortlich sind: die Industrie und die Unternehmen, weil sie das entsprechende Know-how besitzen, aber auch jeder einzelne Energieverbraucher, ob im mittelständischen Handwerksbetrieb, im öffentlichen Dienst oder zuhause.

Als vorläufiges Fazit können wir festhalten: Beim Ausbau der Photovoltaik übertreffen wir alle bisherigen Planungen. Auch der Ausbau der Windkraftwerke an Land kommt überplanmäßig voran. Der Ausbau der Offshore-Windkraft dagegen hinkt den Ausbauplänen hinterher. Ein großes Defizit gibt es beim Ausbau der Netzinfrastruktur, bei der Realisierung von Speichertechnologien und beim Ausbau der intelligenten Netze. Auch die Realisierung der Effizienzpotenziale in den verschiedenen Bereichen bleibt weit hinter den Zielwerten zurück.

Erhebliche Probleme gibt es beim Zubau gesicherter Kraftwerksleistung, insbesondere in Süddeutschland, wo rund zwei Drittel der Atomkraftwerke bis zum Jahr 2022 stillgelegt werden. Der Neubau von konventioneller Kraftwerksleistung in einer Größenordnung von rund 10.000 MW wäre erforderlich, ist aber aufgrund der Marktbedingungen derzeit nicht rentabel. Verschärfend kommt hinzu, dass nicht nur keine neuen Kraftwerke gebaut werden, sondern alte Kraftwerke auch noch stillgelegt werden, weil sich ihr Betrieb nicht mehr rechnet.

Was ist zu tun? Als erstes müssen wir lernen, in Systemen und neuen Marktmodellen zu denken und zu handeln. Und zwar nicht nur in Deutschland, sondern auch auf europäischer Ebene. Deutschland liegt im Herzen Europas, das einen gemeinsamen europäischen Energiebinnenmarkt beschlossen hat, der für alle Mitgliedsländer bindend ist. Das sollte man nicht als Hemmschuh, sondern als Chance begreifen. Wir benötigen den europäischen Stromhandel. Schon heute müssen wir Strom zu bestimmten Zeiten ins europäische Ausland liefern, weil wir ihn in Deutschland nicht mehr integrieren können – beispielsweise bei schwacher Nachfrage und hoher Stromproduktion durch Sonne oder Wind. Dies wird in den kommenden Jahren massiv zunehmen, denn im Jahr 2020 sollen rund 110.000 MW aus Photovoltaikanlagen und Windkraftwerke in Deutschland installiert sein. Gleichzeitig werden wir auch Strom aus dem Ausland importieren, da der Strommarkt nach dem Vorrang der Merit Order organisiert ist, also die kostengünstigsten Kraftwerke vorrangig einspeisen.

Eine wichtige Aufgabe ist die Entwicklung und Umsetzung eines neuen Marktmodells, das nicht nur den Ausbau und die Integration der regenerativen Energieträger, sondern auch die Bereitstellung von gesicherter Kraftwerksleistung und Speichertechnologien weiter voranbringt. Dafür reicht das bestehende Strommarktmodell nicht mehr aus, in dem ausschließlich Kilowattstunden gehandelt werden. Wir benötigen zusätzlich einen Markt für gesicherte Leistung, also einen Kapazitätsmarkt.

Aufbauend auf der Lastprognose muss eine Ausschreibung für gesicherte Leistung erfolgen, an der sich sowohl alte als auch neue Kraftwerke, aber auch Kraftwerke aus dem europäischen Ausland, beteiligen können. Die günstigsten Anbieter bekommen den Zuschlag für die Bereitstellung der Leistung, die unabhängig von der abgeforderten Arbeit vergütet wird. Bei der Ausschreibung können auch noch Effizienzkriterien zugrunde gelegt werden, zum Beispiel sinkende CO2-Werte, um eine Modernisierung des Kraftwerksparks und die Klimaschutzziele zu erreichen. Dieses neue Marktmodell muss dringend entwickelt, mit unseren europäischen Nachbarn abgestimmt und dann zügig realisiert werden.

Über den Autor:

Stephan Kohler, Vorsitzender der dena-Geschäftsführung, ist nach langjähriger Arbeit in der Wirtschaft, verschiedenen Verbänden und der Leitung der Niedersächsischen Energie-Agentur seit der Gründung im Jahr 2000 Geschäftsführer der dena und seit 2006 Vorsitzender der Geschäftsführung.

Die Deutsche Energie-Agentur GmbH (dena) ist das Kompetenzzentrum für Energieeffizienz, erneuerbare Energien und intelligente Energiesysteme. Ziel der dena ist es, dass Energie so effizient, sicher, preiswert und klimaschonend wie möglich erzeugt und eingesetzt wird – national und international. Dafür kooperiert die dena mit Akteuren aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Die Gesellschafter der dena sind die Bundesrepublik Deutschland, die KfW Bankengruppe, die Allianz SE, die Deutsche Bank AG und die DZ BANK AG.

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Anmerkung der Herausgeber von LEXEGESE: Der Beitrag ist ursprünglich auf dem Online-Portal des Berliner Informationsdienstes (BID) erschienen und wird hier mit freundlicher Genehmigung des BID und der dena wiedergegeben.
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