Donnerstag, 17. Januar 2013

2 % der Landesfläche reichen keinesfalls für Windenergie - BWE-Potentialstudie führt zu unzureichenden Planungsvorgaben

● Wolf von Fabeck, Geschäftsführer Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V. (SFV) ● 

norbert weiß  / pixelio.de
Eine Studie des Fraunhofer Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik (IWES) Kassel für den Bundesverband Windenergie (BWE) - Stand Mai 2011 - kommt zu den folgenden wesentlichen Ergebnissen:
  • Insgesamt kann das 2% Ziel als realistisch angesehen werden.
  • In Deutschland stehen auf Basis der Geodaten knapp 8% der Landesfläche außerhalb von Wäldern und Schutzgebieten für die Windenergienutzung zur Verfügung.
  • Unter Einbeziehung von Wäldern und zusätzlichen Schutzgebieten ergeben sich 12,3% bzw. 22,4% nutzbare Fläche.
  • Bei Nutzung von 2% der Fläche jedes Bundeslandes ergeben sich 198 GW installierbare Leistung.
  • Das Flächenpotenzial ist in ganz Deutschland vorhanden und beschränkt sich nicht auf die schon heute genutzten nördlichen Bundesländer.
  • Die Erträge liegen zwischen 1.600 Volllaststunden (Flächen mit geringeren Erträgen wurden ausgeschlossen) und 4.996, im Mittel 2.071 Volllaststunden. 
  • Daraus ergeben sich 390 TWh (potenzieller Energieertrag).
  • Das sind 65% des deutschen Bruttostromverbrauchs von 603 TWh im Jahr 2010.
Der erste Satz "Insgesamt kann das 2% Ziel als realistisch angesehen werden" wird in der energiepolitischen Diskussion regelmäßig so missverstanden, als sei es für die Umstellung auf Erneuerbare Energien ausreichend, wenn 2 Prozent der deutschen Landesfläche für Windparks und Windräder zur Verfügung gestellt würden. Hier wird offenbar nur flüchtig gelesen. Die Studie verwendet nicht das Wort "ausreichend", sondern das Wort "realistisch".

Dass die 2 Prozent der Landesfläche nicht im entferntesten ausreichen, zeigt sich, wenn man die Zahlenangaben im letzten Satz der Kurzzusammenfassung - 390 TWh (65% des deutschen Bruttostromverbrauchs von 603 TWh im Jahr 2010) - in Beziehung zum notwendigen Bedarf setzt:

Diese 65 Prozent des Stromverbrauchs reichen aus den drei folgenden Gründen nicht:

1. Nicht nur Strom, sondern auch Heiz- und Treibstoffe müssen CO2-frei ersetzt werden

Eine Umstellung auf Erneuerbare Energien muss nicht nur den Stromverbrauch, sondern auch den Verbrauch an Heizstoffen (für Hoch und Niedertemperatur) und Treibstoffen (für Flugzeuge, Schiffe, LKW, PKW, Baumaschinen, und andere Maschinen wie Kettensägen, Rasenmäher und Erntemaschinen) berücksichtigen. 

Abgesehen von Solarthermie, Geothermie und Methan aus biologischen Reststoffen wird Erneuerbare Energie im wesentlichen nur in Form von Strom aus Wind- und Sonnenenergie zur Verfügung stehen. Deshalb müssen, falls keine Umstellung auf direkten Einsatz von Strom möglich ist, fehlende Treib- und Heizstoffe aus elektrischer Energie synthetisch hergestellt werden ("Power to Gas" oder "Power to Liquid").

2. Speicherverluste

Die Umstellung auf Erneuerbare Energien muss die notwendige Speicherung von Energie und die dabei unvermeidbaren Speicherverluste berücksichtigen. Es gilt nicht nur, die Solarstromerzeugung von der Mittagszeit sonniger Tage auf die Abend-, die Nacht- und die Morgenstunden zu verschieben und die Windstromerzeugung von den Stunden, in denen die höchste Windgeschwindigkeit erreicht wurde, auch auf die Stunden geringer Windgeschwindigkeiten, sondern es muss auch ein Vorrat an Energie gespeichert werden, mit dem der Energiebedarf für einige Wochen ohne Wind und Sonne gedeckt werden kann. Die Verluste bei der Kurzzeitspeicherung betragen etwa 20 bis 30 Prozent; die Verluste bei Langzeitspeicherung übersteigen sogar noch die 80 Prozent. Eine Grobabschätzung müsste allein zur Abdeckung der Speicherverluste von einer ursprünglichen Erzeugungsmenge ausgehen, die doppelt so hoch ist wie der endgültige Bedarf.

3. Effizienz und Suffizienz

Die Vorstellung, man könne durch Verbesserung der Energieeffizienz und durch Energiesparen (Suffizienz) den Energiebedarf gegenüber dem gegenwärtigen Verbrauch verringern, ist zwar durchaus realistisch. Insbesondere kann man durch Wärmedämmung und Umstellung von Verbrennungsmaschinen auf Elektroantrieb den Energiebedarf erheblich vermindern. Doch erscheint uns eine Reduzierung des bisherigen Primärenergie-Verbrauchs auf weniger als die Hälfte dann doch unwahrscheinlich.
  • Der bisherige Primärenergieverbrauch Deutschlands beträgt 13521 PJ = 3756 TWh gesamt
  • Davon die Hälfte durch Effizienz und Suffizienz eingespart, verbleiben 1878 TWh, die durch Erneuerbare Energien gedeckt werden sollen.
  • Zwei Drittel sollte nach Einschätzung des SFV die Windenergie übernehmen; das sind 1222 TWh.
Die vom BWE angenommenen 390 TWh sind erheblich zu gering. Der SFV geht deshalb von einem erheblich höheren Flächenbedarf aus. Dabei ist zu berücksichtigen, dass auch weniger windgünstige Flächen in Anspruch genommen werden müssen. Die vom BWE angenommene Volllaststundenzahl von 2065 Volllaststunden erscheint deshalb zu optimistisch.

Schlussfolgerung:

Der SFV geht deshalb davon aus, dass etwa 10 Prozent der Landesfläche von Deutschland für Windenergie vorgesehen werden muss. Dies ist ein realistischerer Wert. Bei Einbeziehung von Waldflächen hält die o.a. BWE-Studie sogar 12,3 Prozent der Landesfläche für möglich.


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Anmerkung der Herausgeber von LEXEGESE: Der Beitrag ist ursprünglich auf dem Online-Portal des Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V. (SFV) erschienen und wird hier mit freundlicher Genehmigung des SFV wiedergegeben.
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